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Donnerstag, 4. November 2010

Männer in Kategorien

Ich wohne zusammen mit einem seelenlosen Roboter namens Daniel. Unsere Wohnung besteht aus zwei Schlafzimmern, einer Wohnküche und einem Bad. Daniel ist der Typ Mensch, der sich seine Klamotten maßschneidern lässt und dann drei Tage hungert, weil er sich so was eigentlich nicht leisten kann. Er ist außerdem Schalträger und bei Starbucks- Rumhocker. Er versucht dann, wichtig auszusehen und als habe er viel zu tun, weil er glaubt, die Frauen stehen auf solche Typen. Auf mich wirkt er immer, als sei er auf der Suche nach irgendwas und als wüsste er selbst nicht, nach was.
Daniel hat nicht die leiseste Ahnung, was ich beruflich mache. Er fragt auch nicht danach. Er wundert sich auch nicht, wenn ich abends um sieben das Haus verlasse und erst morgens zurückkomme. Manchmal fragt er, wie die Party war. Manchmal fragt er, wie die Arbeit war. Zumindest hab ich ihn noch nie am Straßenstrich gesehen und das lässt mich hoffen, dass er irgendwie einen anständigen Kern hat. Von den Männern, die zu meinen Kunden zählen, hat keiner auch nur das geringste Bisschen Anstand. Ich teile sie grob in drei Gruppen auf: Die Verschämten, die Selbstgefälligen und die Unverschämten.
Die Verschämten:
Das sind Familienväter, die manchmal morgens kommen, nachdem sie Hannah und Mads zur Schule gefahren haben. Sie schleichen mit ihren Kombis mit „Baby an Bord“- Sticker und Winnie Puuh- Sonnenschutz durch die enge Straße außerhalb der Innenstadt, wo wir warten und versuchen so auszusehen, als könnten wir es kaum erwarten.
Sie tragen Sweatshirts, Fielmannbrillen und Sneaker, mit denen sie glauben, so cool zu sein wie ihre 9jährigen Söhne. Sie nehmen uns selten mit in Hotels, denn dort könnten sie ja gesehen werden. Sie fahren mit uns auf den abgelegensten Parkplatz, den sie finden können, in die hinterste Ecke und bitten uns während der Fahrt meist, uns im Fußraum zu verstecken. Als sei das nicht armselig genug, feilschen sie dann noch, weil ein zu großes Loch in der Haushaltskasse natürlich auffällt. Im Schnitt sind sie bereit 15 Euro zu zahlen. Die Sache selbst ist dann aber auch immer ziemlich schnell vorbei, weil sie von Ilka oder Kathrin schon seit vier Monaten nicht mehr rangelassen wurden und sich da mächtig was angestaut hat. Sie sehen uns währenddessen nicht an. Nie.
Die Selbstgefälligen:
Diese Sorte Mann glaubt, wir wären Huren geworden, weil es uns Spaß macht. Sie kommen mit einem siegessicheren Lächeln, oft in Gruppen und zu Fuß, weil es ihn ihnen nicht peinlich ist, dafür zu bezahlen. Weil sie wissen, dass sie nicht bezahlen müssten, weil sowieso alle Frauen auf sie stehen. Die Sache mit dem Geld und das schmuddelige Ambiente, das übt einen bestimmten Reiz auf sie aus.
Sie zahlen oft etwas mehr als gefordert und gehen mit uns in Hotels. Sie sind meist sauber und sie riechen gut, was sie zur angenehmsten Kundegruppe macht- wenn da nicht eine Kleinigkeit wäre. Jeder (!!!) von ihnen, egal wie alt und egal aus welchem Kulturkreis, fragt hinterher, wie es war, ob er gut war, ob es uns auch so einen Spaß gemacht hat und so weiter und so weiter. Mit der Zeit lernst du, damit umzugehen. Denn wenn du tust, als ob es dir Spaß macht, kommt sich der Freier weniger schäbig vor. Er behält das Erlebnis in angenehmerer Erinnerung und kommt gerne wieder vorbei. Und darum geht es doch- dass sich aus dem riesigen, undurchsichtigen Menschen- und Autostrom täglich genug Männer lösen und den Weg zu uns finden.
Naja, kommen wir zu Gruppe 3:
Die Unverschämten:
Sie legen ein Verhalten an den Tag, was man auch bei Gruppe 1 teilweise beobachten kann- sie feilschen. Und zwar um jeden Euro. Für sie ist es ein besonderer Reiz, wenn sie nur 5 Euro für das volle Programm zahlen müssen. Und seitdem es Mädchen aus Bulgarien und der Ukraine gibt, die für einen Euro (EINEN EURO!) gewisse Dinge tun, für die ich das Zehnfache verlange, kommen diese Typen damit leider auch durch. Ich wüsste zu gerne mal, was mit diesen ukrainischen Mädchen nicht stimmt- zehn mal den Mund voll für zehn Euro? Die sind zum Glück nicht jeden Tag da, aus Angst vor der Polizei wahrscheinlich. Morgen werde ich wieder zur Arbeit gehen, denn mein Geld neigt sich dem Ende zu. Es ist vielleicht nicht klug, jeden Tag was beim Lieferservice zu bestellen, wenn man so lebt wie ich. Aber Hey- man lebt nur einmal oder nicht?
Bis zum nächsten Mal,
Eure
GloomyFox

Dienstag, 2. November 2010

Warum ich Hure wurde

Hallo Welt,

Gerade eben hab ich mir noch mal meinen Eintrag von gestern durchgelesen und muss zugeben, dass er doch ziemlich chaotisch geworden ist. Und viele Fragen offen lässt. So hat mich zum Beispiel mehrfach die Frage erreicht, wieso ich eigentlich auf den Strich gehe. Und der Beantwortung dieser Frage will ich mich heute mal widmen. Falls ich wieder wirres Zeug schriebe, bitte entschuldigt- ich bin im Moment ziemlich krank und voll mit Medikamenten.
Also- wie ihr schon wisst, komme ich aus der Großstadt. Mit meinen Eltern und meiner viel älteren Schwester lebte ich in einer großen Wohnung, etwas außerhalb vom Zentrum. Meine Schwester, Jana (Und nochmal: Ich verwende hier keine richtigen Namen. Nie. Wenn hier also ein untersetzter Freier mit Hornbrille namens Franz auftaucht, werdet nicht paranoid, liebe Ehefrauen von Franz.). Also Jana hat mich von Anfang an gehasst. Als ich geboren wurde, war sie schon fast erwachsen und plötzlich war Mamas und Papas gesamte Aufmerksamkeit weg und auch das Geld floss nicht mehr. Sie zog aus, als ich zwei war und wir sind immer mehr Fremde als Schwestern geblieben. Ihr erkennt vielleicht schon, dass meine Eltern nicht mehr die Jüngsten waren, als ich zur Welt kam. Heute bin ich 26, mein Vater ist über 70 und lebt im Heim und meine Mutter starb vor drei Jahren an Krebs. Ich ging damals zur Uni. Ich studierte und glaubte, mein Leben würde ziemlich sensationslos und ruhig verlaufen. Doch der Tod meiner Mutter änderte alles. Nachdem der Krebs diagnostiziert worden war, blieben ihr gerade noch drei Monate und jeden Tag ging es ihr schlechter. Zuletzt sah sie aus wie ein Skelett, über das man schlampig viel zu helle Haut gespannt hatte. Es ging alles viel zu schnell und nachdem sie gestorben war, fiel ich in ein tiefes, dunkles Loch.
Von heute auf morgen erkannte ich, dass eigentlich gar nichts irgendeinen Sinn macht. Versteht ihr? Egal, wie sehr wir uns im Leben bemühen, am Ende wartet doch nur ein dunkler, enger Sarg.
Tja, was soll ich sagen? Ich tat, was Menschen in der Sinnkrise nun mal so tun. Hab das Studium abgebrochen, mich deshalb mit meinem Vater zerstritten und mir so nette Sachen anhören dürfen wie, dass meine Mutter jetzt sehr enttäuscht von mir wäre und dass aus meiner Schwester wenigstens was geworden sei. Ich floh von zu Hause und zog in eine WG in der Innenstadt, die ich mir gar nicht leisten konnte. Aber irgendwas zog mich immer weiter nach unten. Ich war zu unmotiviert, um arbeiten zu gehen oder Geld zu beantragen. Tja und so landete ich dann auf dem Strich. Ich bin also keine Drogensüchtige, keine verzweifelte Mutter, die irgendwie ihre Kinder durchbringen muss, keine Osteuropäerin die von Igor oder Sergej verprügelt wird, wenn sie nicht genug Geld nach Hause bringt. Ich habe eigentlich gar keinen Grund, zu tun, was ich tue. Aber hey- wer hat das schon?

Macht’s gut,
  Eure GloomyFox

Montag, 1. November 2010

Wer ist GloomyFox?

  

Als ich noch klein war, sagte meine Mutter zu mir, dass man das Leben weder steuern noch verstehen kann. Dass man einfach sehen muss, wohin es einen treibt. Und genau so, meinte sie, ist es mit der Liebe. Man kann sie nicht steuern, man kann sie nicht verstehen. Jetzt ist meine Mutter tot und ich hab die Liebe bis heute nicht verstanden. Vielleicht bin ich deswegen Hure geworden.
Wenn man in der Großstadt geboren wird und aufwächst, merkt man schnell, wie nichtig und klein das Leben ist. Man sieht aus dem Fenster und sieht tags wie nachts Menschenmassen und Autokolonnen, die sich durch die viel zu engen Straßen schieben. Es sind so viele, dass einem die Unterschiede zwischen ihnen gar nicht mehr auffallen.
Mein Therapeut hat seine Praxis im 4. Stock eines Bürogebäudes und während der Therapiestunde hat man die ganze Zeit dieses Bild vor Augen: Verstopfte Straßen, Menschen in Eile vermischt mit Menschen, die sich treiben lassen. Die Therapie wurde mir vom Hausarzt verschrieben, gegen Magenschmerzen, für die sich keine körperliche Ursache feststellen ließ und ich dachte am Anfang: Was für ein Unsinn.
Schließlich saß mir da ein Mann gegenüber und somit ein potenzieller Kunde. Doch mein Therapeut ist einer dieser Typen, die so gar nichts Sexuelles an sich haben. Weil er außerdem aber ein psychisches Supergenie ist, hat er natürlich gemerkt, dass ich ihm etwas verheimliche. Was soll ich auch sagen? Wenn wir gleich hier fertig sind fahre ich nach Hause, ziehe mich um und stell mich dann an den Straßenstrich? Wohl kaum.
Mit der Zeit hat er gemerkt, dass er mein großes Geheimnis nicht aus mir rausbekommen wird und so empfahl er mir, gegen die wiederkehrenden Magenschmerzen ein Tagebuch zu schreiben, in dem ich alles verarbeite.
Habt ihr schon mal Tagebuch geschrieben? Ich finde es deprimierend. So viele vergeudete Worte. Der Autor ist zugleich der einzige Leser. Es hilft wenig, ein Tagebuch zu schreiben, wenn man es beim Schreiben schon sinnlos findet. Wenn es einem Eintrag für Eintrag nur vor Augen führt, wie allein man eigentlich ist. Ich habe auch keine kleinen Geschwister, die meine Notizen eventuell irgendwann finden könnten. Nur meinen Mitbewohner, und der interessiert sich einen Scheiß für mein Zeug.
Als ich so 10, 11 Einträge zusammen hatte und die letzten nur noch aus mechanischen Beschreibungen meines Tagesablaufs bestanden, hab ich es aufgegeben und entschieden, mein Tagebuch im Internet zu veröffentlichen. Ich meine, immerhin erlebe ich ganz schön was. Und so kann ich mit jemandem drüber sprechen, ohne demjenigen ins Gesicht sehen zu müssen, was, wenn man so lebt wie ich, auch seine Vorteile haben kann.
Ja und so kommen wir gleich zu einem wichtigen Punkt: Gloomy Fox ist natürlich nicht mein richtiger Name. Ich bin im Moment rothaarig, deswegen die Idee. Ich benutze hier keine richtigen Namen, weder von mir, noch von irgendwelchen Freunden, Bekannten oder gar Freiern. Nie. Never.
So, aber nun gibt es hier ja nicht nur mich, sondern auch euch, die ihr im Moment noch eine anonyme Masse von leere Gesichtern für mich seid. Selbstverständlich freue ich mich sehr über jeden Kommentar und jeden Leser, denn das hier soll ja auch ein kleines Mittel gegen die Einsamkeit sein… nur ist mir grade aufgefallen, dass ich nicht die geringste Ahnung hab, wie ich euch ansprechen soll… „Liebes Tagebuch“ passt ja jetzt wohl nicht mehr.
Naja und ich dachte, zur Feier des Tages könnt ihr darüber entscheiden. Wie soll ich euch zu Beginn meiner Einträge nennen? Die Anderen? Outer World? Hallo Unbekannte? Schreibt mir doch ein paar Kommentare dazu- schließlich geht es ja um euch ;-)
Eure
GloomyFox